Wie die Saiten einer Stradivari

Die Komplexität der weiblichen Sexualität gibt nicht nur Rätsel auf, sondern löst auch häufig Ängste bei den Menschen aus. Frauen mit vollständiger Vulva werden bis heute in vielen Kulturen seit vielen Epochen als lüstern und treulos geschmäht. Frauen, die sexuelles Verlangen empfinden, gelten als Huren. Und sie schüren nicht nur in Männern Ängste, sondern auch in anderen Frauen, Müttern und Großmüttern. Um diese Ängste zu bannen, wird auch heute noch in einigen Ländern die Beschneidung der weiblichen Genitalien (englisch: Female Genital Mutilation, kurz FGM) vorgenommen.

Die Unsicherheit gegenüber dem Weiblichen ist einst auch in Europa weit verbreitet gewesen. Insbesondere hat die griechische Philosophie, in der die Frauen von Natur aus für minderwertig gegenüber Männern erachtet wurden, großen Einfluss auf spätere Kulturen ausgeübt – auch auf unsere. Bösartige und brutale Angriffe gegen die weibliche Sexualität haben eine lange Blutspur durch die Jahrhunderte gezogen.

Der Journalist Harald Martenstein schrieb folgendes in Geokompakt, Ausgabe ‚Das Wunder Mensch‘:

„Die Sexualität der Frau (…) ist so kompliziert, dass sogar die Wissenschaft sie nicht versteht. Möglicherweise ist die Frau das einzige unter allen weiblichen Lebewesen, das einen Orgasmus haben kann. Gleichzeitig wurde die Klitoris als wichtiger Orgasmusbeschaffer von der Natur an einer zur Erlangung sexueller Freuden recht ungünstigen Stelle befestigt, das heißt, ihr zum Orgasmus zu verhelfen ist so schwierig wie das Spielen auf einer Stradivari, und es liegt hier ein Rätsel vor, das zu 1000 Theorien anregt, ähnlich wie die Statuen auf der Osterinsel oder die Schwarzen Löcher im Weltall.“

Die Unkenntnis und die damit verbundenen Unsicherheiten rund um die weibliche Anatomie und Sexualität  hat Fernando Naviskas in seinem Werk ‚NIEMEHR Sinfonie‘ ebenfalls gut ausgedrückt: Die Herausforderung ist so groß, so ein komplexes Instrument wie eine Stradivari zu spielen, dass dessen Seiten mutwillig zerrissen werden, und das Instrument dadurch unbrauchbar gemacht.

Ein Problem kann nur gelöst werden, wenn es an der Wurzel gepackt wird – so kann die Abschaffung der Beschneidung nur gelingen, wenn Ängste und Ignoranz gegenüber der weiblichen Anatomie und Sexualität zuvor abgeschafft werden. Mit unserer Kampagne With (he)art against FGM wollen wir einen Beitrag dazu leisten, dieses Ziel zu erreichen.

Ihre Isabel Henriques

Bild:  ‚NIEMEHR Sinfonie‘ von Fernando Naviskas, Brasil

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