Das Lachen

Das Lachen war unsere unzertrennliche Verbindung. Versteckt oben auf der Dattelpalme versprachen wir uns es nie zu verlieren, Niemand zu erlauben es uns zu rauben. Unsere Wege waren nah an einer Abzweigung. Pubertät stand rechts und links ausgewaschen, fast unlesbar, Erwachsen sein. Diese Trennung war für unsere Familie vorhersehbar. Nicht für uns: keine Oma Geschichten mehr unter den unendlichen klaren Sternenhimmel?. Kein Guten Morgen mehr mit duftenden Wurzelkaffe, Injera Brot mit Datteln? Unvorstellbar. Wir schauten uns tief in die Augen, wir hielten uns die Hände fest und fingen wir an, wie immer, zu kichern. „Das Tschüss“, „bis Bald“, verschwand unter unserem lauten Gelächter und das Gedicht das du anfingst zu reimen. Mit leuchtenden Augen hast du mir gewunken bis wir uns nur als glitzernde Sterne in der Ferne erkannten.
Der linke Weg führte nach Übersee. Weit weg von dem staubigen trockenen Wüstenleben. Weg von dem Land der feuerroten Sonnenuntergänge. Der rechte, den du nehmen solltest, würde dich in die Schule der großen Stadt bringen. Deine afrikanischen Tücher versteckten ein Mädchen mit einem klaren Ziel:
– Schriftstellerin, wie unsere englische Oma
Drehtest du dich schnell mit den Händen zum Himmel gestreckt und lachtest du dabei
– Meine Geschichten werden was verändern
Eine afrikanische Fata Morgana: irreal, unscharf. Nicht für dich. Auf deinem Weg dahin, lenkte dich etwas ab. Ich hörte es. Es war einen Schrei. Er weckte mich in meinem gemütlichen Bett eines Abends auf. Im Traum sah ich dich heulend unter unseren Baum. Deine Oberschenkel, dein Kleid, ließen Spuren des Abschieds erkennen. Den Abschied des Frau-seins, der Weiblichkeit. Alles zitterte in dir, sogar deine Zukunft, deine Träume. Männer und Frauen aus unserem Dorf tanzten fröhlich und stolz in die Nacht hinein mit blutigen Messern und scharfen Steinen, die im Licht des Mondscheines wie Reliquien strahlten. Deine Augen waren trüb, glanzlos. Nicht mal der Mondschein hatte Platz darin. Ich wachte auf nassgebadet, unsere Innigkeit machte mich zur Zeugin. Fassungslos schaute ich nur zu und blieb versteinert in der Ferne zurück. Von dem Tag an, bekam ich keine lustigen langen Geschichten mehr von dir. Stundenlang hatte ich sie so gern gelesen und damit meine Sehnsucht nach Heimat still gehalten. Dein Schrei hatte nicht nur dein Körper sondern deine innere Stimme und Lächeln verstümmelt. Hattest du wirklich vollkommen das Erzählen aufgegeben? Unsere Wege nahmen unterschiedliche Richtungen, sie führten durch verschiedene Landschaften: Du bliebst aus Angst in der trockene Oberfläche. Ich tauchte tief in das fremde Leben ein: andere Sprache, andere Kultur. Ich befand mich oft kurz vor dem Ertrinken, vor dem mich zu verirren aber ein Gedanken an unserer Versprechung auf dem Datteln Baum, holte mich jedes Mal zurück. Du, anstatt, versperrtest den Zugang zu deiner Seele. Kein Licht schien mehr in dir. Irgendwann, gewollt oder gewählt, haben wir unser Spur verloren.
Sehnsüchtig nach dir, fing ich an Geschichten zu sammeln. Ich drückte und zerdrückte in meinen wenigen Jahren meine Erfahrungen in der Welt der Weise. Sie passten kaum rein und sie zu erzählen bekam ein unglaubwürdiger Klang. Ich wurde auch still nach außen, so wie du. Und wartete. 25 Jahre.
Vor kurzen sah ich dich. Tränen kullerten nahrhaft und wortlos durch die Rinnen unsere Gesichter. Ich spürte tief in unserem Blick was bekanntes
– Satah
Drücktest du meine Hände wie damals und versuchtest etwas zu sagen mit einem forcierten Lächeln
– Bald 40, Satah
Ich strahlte dir zurück. Ruhig. Klar. Für mich das perfekte Alter. Endlich konnte ich laut meine Geschichten in einer ausgedehnten Form verteilen und erzählen. Ich sah Angst in deinem Blick. Früher, ranntest du hinter den Datteln Baum. Diesmal, entdeckte ich dich hinter der Küchenzeile mit einer Flasche Mais Bier in der Hand. Glaubtest du damit deine Ängste zu löschen?
– Sie ist leer
Lächeltest du mir zu und drehtest die Flasche um.
– Sie vielleicht. Nicht du.
Ich näherte mich. Ich suchte deine Wärme. Dein Körper fühlte sich einsam und kraftlos in meinen Armen. Du rochst nach verlorenen Träumen.
– Und? Ist dein Bestseller fertig??
Suchte ein Zeichen der Lebensfreude in dir. Deine Augen waren ziellos, gefühlleer. Sie schauten zum offenen Fenster. Ich folgte dich mit meinem Blick und sprach:
– Kann solch ein Schrei den Fluss der Fantasy und das Lächeln eines Mädchens rauben?
Mein Satz überraschte dich. Du kralltest dich mit deinen Nägeln an meinem Arm fest. Deine Halsadern verkrampften sich. Deine Gesichtsfalten wurden tiefer und sprachen von Leid und Schmerz
– Satah, du hast keine Ahnung.
Deine Augen drängten tief in mich hinein, voller Wut. Sie schrien und zeigten mir Geschichten des Horrors, der Unmenschlichkeit an dem jungen Mädchen, die wie zarte Knospen die Chance des Blühens, der Entfaltung ihrer Schönheit und Weiblichkeit frühzeitig abgenommen bekommen.
– An dem Tag war ich bei dir. Ich träumte es
Flüsterte ich unendlich schuldig, beschämt.
– Meine Eltern wussten was vor uns stand… deswegen wählten einen anderen Weg für mich.
Das Gelächter deiner Tochter lenkte unsere Blicke und Gedanken ab. Deine Gesichtszüge wurden weich: ihr langes Haar, Ihr dunkle unberührte glänzende Haut. Die Möglichkeit ihr eines ganz anderes Lebens zu bieten, es lag in deinen Händen, dir war das längst bewusst. Der Mut fehlte dir nur. Der Mut einen Schritt ins Ungewisse, ins Unbekannte zu wagen. Unsere Gedanken trafen sich wortlos irgendwo in der Krone der alten Dattelpalme. Unsere Hände waren noch ineinander verschränkt. Vertraut.
– Sie ist fast 8, Satah
Hörte ich deine panische Stimme sagen.
– Auf was wartest du? Schreib
Ein sandiger Windstoß drängte in die Küche und wehte dein buntes Kopftuch los. Deine langen Haare, mit einer Spur englisches Blut, bewegten sich frei. Du schloss die Augen und fingst an, wie früher, zu kichern. Als du sie aufmachtest, sprühten sie voller Leben. Du stecktest deine Hand unter die Küchenzeile und reichtest mir etwas Großes: ein Skript. Deine Hand zitterte dabei, wie damals dein ganzer Körper, unter dem Mondschein. Ich öffnete es. Geschichten, in silberner Schrift, sprangen aus ihm heraus. Ich erkannte sofort den Fluss deiner Leichtigkeit, die vor langer Zeit aufgehört hatte die trockenen Felder zu erfrischen. Ich näherte mich und erlaubte das Licht der Lampe, den mehrmals zerkratzten Titel, zu erleuchten. Ein Stopp Schild stand darauf und darunter deine geschriene Botschaft: Stopp, mein Körper gehört mir.
2011 © Catalina Marzorati-Strauß
Über die Autorin:Das Erfinden von Geschichten habe ich von meiner argentinischen Großmutter, die mir schon als Kind damit begeisterte und motivierte zugleich. Seit einigen Jahren taste ich mich an der Herausforderung heran: mit Worten den Moment, das Geschehen oder sogar meiner vergangen Erfahrungen schriftlich, in der deutschen Sprache, auszudrücken.
Ich arbeite als Spanischlehrerin, Koautorin und Tonsprecherin von Spanisch Schulbüchern und Ecos Zeitschrift. Parallel dazu bin ich Yoga Trainerin.
Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s