Kind der Sahara

Wüstenblume ist mein Name,

geboren dort wo nichts lebt,
wo nichts gedeiht,
kämpfte mich durch den heißen Sand,
lausche dem Wind,
zähle die Sterne,
wachse in den Himmel.

Doch meine Knospen dürfen nicht öffnen,
meine Schönheit nicht erblühen,
sonst wird es finster,
ein kurzer Schnitt,
nichts ist wie es war.

Es tut so furchtbar weh,
denke nur ans Sterben,
bin getrennt von Mutter Erde,
nichts ist wie es war.

Selbst wenn du mich liebevoll pflegst,
wird meine Seele nicht heilen,
mein Herz keine Blüten mehr tragen.

2012 © Laura Alexandra Höltge

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With (he)art against FGM

Song komponiert und gesungen von Chris Stermitz

Leider haben nicht viele Frauen oder Mädchen die Wahl “NEIN” zu sagen.

Durch falsche Überzeugungen (seien es nun kulturelle oder ästhetische) wird ihnen ihr perfekter Körper genommen.
Die dargestellte Frau nimmt ihren Körper an wie er ist, hat den Mut sich der nach Ästhetik fordernden Klinge entgegenzustellen. Sie bleibt physisch und psychisch heil und lässt dadurch auch ihre innere Schönheit wachsen.
Ihre Aufgabe ist es den Opfern Trost und Hoffnung zu schenken und Frauen die eine Wahl haben wachzurütteln und zum nein-sagen zu ermutigen.

Kurzvita:

Geboren am 26. August 1983 in Villach, Schulbildung in der HTL Ferlach, Ausbildungszweig Fertigungstechnik.
Studium (Volksschullehramt) an der Pädagogischen Akademie in Klagenfurt, Vertiefungsfach: Bildnerische Erziehung und Religion.
Die Kunst bietet mir die Möglichkeit mich kreativ zu betätigen und meine Visionen zu verwirklichen. Ebenso kann ich durch meine Kunstwerke Gedanken und Philosophien durch Farbe und andere Materialien verbildlichen und ihnen Leben einhauchen.
“Kunst beginnt dort wo Worte enden”

 

Monika Ebeling zur rituellen Beschneidung

“Ich bin gegen die Beschneidung von kleinen Mädchen und kleinen Jungen. Es wäre gleichstellungspolitisch inkonsequent da einen Unterschied nach Geschlecht zu machen! Unser Grundgesetz schützt auch diese Kinder, es müsste nur angewandt werden. Mir kommt es so vor, als hätte es System, für Mädchen und Frauen etwas zu fordern, was man Jungen und Männern bewusst versagt. Der Gott an den ich glaube, wäre gegen jede Form der Beschneidung.”

Monika Ebeling, geb. 1959, Diplom Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin mit Zusatzausbildung zur systemischen Familientherapeutin. Zunächst arbeitete sie in einer christlichen therapeutischen Wohngemeinschaft für drogenabhängige junge Männer. Später leitete sie eine Mutter-Kind-Kureinrichtung und eine kommunale Kindertagesstätte. Von 2008 bis 2011 war sie Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Goslar.

Vor einem Jahr wurde Monika Ebeling aus ihrem Amt der Gleichstellungsbeauftragten entlassen. Die Begründung: Sie habe sich zu viel für Männer engagiert. Monika Ebelings Geschichte erzeugte eine riesige mediale Resonanz, weil sie einen Nerv getroffen hat, der Menschen in der ganzen Republik und darüber hinaus bewegt: Gleichstellungspolitik heute darf Männer nicht ausschließen. Frauen haben ihre Rechte errungen, nun werde es Zeit, sich vom Feinbild »Mann« der Feministinnen der ersten Stunde zu verabschieden, so Ebeling. Feminismus à la Alice Schwarzer habe ausgedient. Politik und Denkweisen müssen sich an die neuen Verhältnisse von Mann und Frau angleichen. In ihrem neuen Buch “Die Gleichberechtigungsfalle: Ich habe mich als Gleichstellungsbeauftragte für Männer eingesetzt und wurde gefeuert”  erzählt sie ihre Geschichte und übt Kritik an einem unzeitgemäßen Feminismus.

* Unsere Position zur Jungenbeschneidung HIER

Gedicht aus Somalia

Pharao, von Gott verflucht,
Hörte nicht auf Moses’ Predigt,
Wich ab von der Thora,
Die Hölle sein Lohn!
Ertrinken sein Los!

Ihre Beschneidung Schlächterei, Ausbluten, Aderlass!
Schneiden, Nähen, Schneidern von Fleisch!
Untat, nie vom Propheten erwähnt,
Kein anerkanntes Hadith!
Nicht zu finden bei Abu Hureya,
Von keinem Muslim gepredigt,
Früher und heute nicht im Koran!

Und wenn ich dachte an meine Hochzeitsnacht
In Erwartung von Zärtlichkeiten,
Küssen, süss, Umarmung und Liebe – Nichts, nie!
Mich erwarteten Schmerz, Leiden, Traurigkeit.
Da liege ich in meinem Brautbett, stöhnend,
Eingerollt wie ein verwundetes Tier im Schmerz der Frau.

Am Morgen erwartet mich Spott.
Meine Mutter verkündet: Ja – sie ist Jungfrau.
Wenn mich Angst überkommt,
Wenn mich Zorn packt,
Wenn mich Hass begleitet,
Kommt Zuspruch von Frauen.
Frauenschmerz ist es
Und vergeht, wie Frauensache, jede, vergeht!

Die Reise geht weiter, der Kampf,
Wie moderne Geschichtsschreiber es nennen!
Mein Bauch wird zum Ball,
Ein Schimmer von Glück, von Hoffnung
Erscheint: ein Kind, ein Leben, neu!
Ah, neues Leben gefährdet meines,
Seine Geburt ist Tod,
Zerstörung für mich!

Das ist, was Grossmutter nannte
Den dreifachen Schmerz der Frau.
Erinnernd nenne ich Grossmutters Wort:
Beschneidung, Hochzeitsnacht,
Geburt Eines Kindes – dreifacher Schmerz der Frau.

Das Kind bricht hervor, ich schreie um Hilfe,
Gemartertes Fleisch zerreisst.
Ungerührt sagen sie: Press!
Nur Frauenschmerz Ist es,
und Frauenschmerzen vergehen.
Sinnt dann der Mann, das gute Band zu brechen,
Beschliesst er Scheidung und Weggang,
Bleibt mir der Rückzug, verwundet.

Nun, hört mich, klage ich ein Meine zerbrochenen Träume,
Mein Recht auf unversehrtes Leben,
Bei euch und allen Friedfertigen klage ich ein.
Schützt, helft, bietet Hand Unschuldigen kleinen Mädchen, arglos,
Vertrauend, gehorsam den Eltern,
Grosseltern, Bekannten, lächelnd alle.
Führt sie ein ins Reich der Liebe
statt ins Schmerzensreich der Frau!

(Eine Gedicht der somalischen Dichterin Dahabo Elmi Muse.
Sie hat dafür den ersten Preis am Dichterinnen-Wettstreit
anlässlich des Internationalen Seminars über Frauenbeschneidung
vom 13. bis 16. Juni 1988 in Mogadishu erhalten. Aus Beck-Karrer, Charlotte.
Löwinnen sind sie.Gespräche mit somalischen Frauen und Männern
über Frauenbeschneidung.EFeF-Verlag Bern 1996, S. 63-64.)

Bild von Maestro Simon Mgogo

Das Lachen

Das Lachen war unsere unzertrennliche Verbindung. Versteckt oben auf der Dattelpalme versprachen wir uns es nie zu verlieren, Niemand zu erlauben es uns zu rauben. Unsere Wege waren nah an einer Abzweigung. Pubertät stand rechts und links ausgewaschen, fast unlesbar, Erwachsen sein. Diese Trennung war für unsere Familie vorhersehbar. Nicht für uns: keine Oma Geschichten mehr unter den unendlichen klaren Sternenhimmel?. Kein Guten Morgen mehr mit duftenden Wurzelkaffe, Injera Brot mit Datteln? Unvorstellbar. Wir schauten uns tief in die Augen, wir hielten uns die Hände fest und fingen wir an, wie immer, zu kichern. „Das Tschüss“, „bis Bald“, verschwand unter unserem lauten Gelächter und das Gedicht das du anfingst zu reimen. Mit leuchtenden Augen hast du mir gewunken bis wir uns nur als glitzernde Sterne in der Ferne erkannten.
Der linke Weg führte nach Übersee. Weit weg von dem staubigen trockenen Wüstenleben. Weg von dem Land der feuerroten Sonnenuntergänge. Der rechte, den du nehmen solltest, würde dich in die Schule der großen Stadt bringen. Deine afrikanischen Tücher versteckten ein Mädchen mit einem klaren Ziel:
– Schriftstellerin, wie unsere englische Oma
Drehtest du dich schnell mit den Händen zum Himmel gestreckt und lachtest du dabei
– Meine Geschichten werden was verändern
Eine afrikanische Fata Morgana: irreal, unscharf. Nicht für dich. Auf deinem Weg dahin, lenkte dich etwas ab. Ich hörte es. Es war einen Schrei. Er weckte mich in meinem gemütlichen Bett eines Abends auf. Im Traum sah ich dich heulend unter unseren Baum. Deine Oberschenkel, dein Kleid, ließen Spuren des Abschieds erkennen. Den Abschied des Frau-seins, der Weiblichkeit. Alles zitterte in dir, sogar deine Zukunft, deine Träume. Männer und Frauen aus unserem Dorf tanzten fröhlich und stolz in die Nacht hinein mit blutigen Messern und scharfen Steinen, die im Licht des Mondscheines wie Reliquien strahlten. Deine Augen waren trüb, glanzlos. Nicht mal der Mondschein hatte Platz darin. Ich wachte auf nassgebadet, unsere Innigkeit machte mich zur Zeugin. Fassungslos schaute ich nur zu und blieb versteinert in der Ferne zurück. Von dem Tag an, bekam ich keine lustigen langen Geschichten mehr von dir. Stundenlang hatte ich sie so gern gelesen und damit meine Sehnsucht nach Heimat still gehalten. Dein Schrei hatte nicht nur dein Körper sondern deine innere Stimme und Lächeln verstümmelt. Hattest du wirklich vollkommen das Erzählen aufgegeben? Unsere Wege nahmen unterschiedliche Richtungen, sie führten durch verschiedene Landschaften: Du bliebst aus Angst in der trockene Oberfläche. Ich tauchte tief in das fremde Leben ein: andere Sprache, andere Kultur. Ich befand mich oft kurz vor dem Ertrinken, vor dem mich zu verirren aber ein Gedanken an unserer Versprechung auf dem Datteln Baum, holte mich jedes Mal zurück. Du, anstatt, versperrtest den Zugang zu deiner Seele. Kein Licht schien mehr in dir. Irgendwann, gewollt oder gewählt, haben wir unser Spur verloren.
Sehnsüchtig nach dir, fing ich an Geschichten zu sammeln. Ich drückte und zerdrückte in meinen wenigen Jahren meine Erfahrungen in der Welt der Weise. Sie passten kaum rein und sie zu erzählen bekam ein unglaubwürdiger Klang. Ich wurde auch still nach außen, so wie du. Und wartete. 25 Jahre.
Vor kurzen sah ich dich. Tränen kullerten nahrhaft und wortlos durch die Rinnen unsere Gesichter. Ich spürte tief in unserem Blick was bekanntes
– Satah
Drücktest du meine Hände wie damals und versuchtest etwas zu sagen mit einem forcierten Lächeln
– Bald 40, Satah
Ich strahlte dir zurück. Ruhig. Klar. Für mich das perfekte Alter. Endlich konnte ich laut meine Geschichten in einer ausgedehnten Form verteilen und erzählen. Ich sah Angst in deinem Blick. Früher, ranntest du hinter den Datteln Baum. Diesmal, entdeckte ich dich hinter der Küchenzeile mit einer Flasche Mais Bier in der Hand. Glaubtest du damit deine Ängste zu löschen?
– Sie ist leer
Lächeltest du mir zu und drehtest die Flasche um.
– Sie vielleicht. Nicht du.
Ich näherte mich. Ich suchte deine Wärme. Dein Körper fühlte sich einsam und kraftlos in meinen Armen. Du rochst nach verlorenen Träumen.
– Und? Ist dein Bestseller fertig??
Suchte ein Zeichen der Lebensfreude in dir. Deine Augen waren ziellos, gefühlleer. Sie schauten zum offenen Fenster. Ich folgte dich mit meinem Blick und sprach:
– Kann solch ein Schrei den Fluss der Fantasy und das Lächeln eines Mädchens rauben?
Mein Satz überraschte dich. Du kralltest dich mit deinen Nägeln an meinem Arm fest. Deine Halsadern verkrampften sich. Deine Gesichtsfalten wurden tiefer und sprachen von Leid und Schmerz
– Satah, du hast keine Ahnung.
Deine Augen drängten tief in mich hinein, voller Wut. Sie schrien und zeigten mir Geschichten des Horrors, der Unmenschlichkeit an dem jungen Mädchen, die wie zarte Knospen die Chance des Blühens, der Entfaltung ihrer Schönheit und Weiblichkeit frühzeitig abgenommen bekommen.
– An dem Tag war ich bei dir. Ich träumte es
Flüsterte ich unendlich schuldig, beschämt.
– Meine Eltern wussten was vor uns stand… deswegen wählten einen anderen Weg für mich.
Das Gelächter deiner Tochter lenkte unsere Blicke und Gedanken ab. Deine Gesichtszüge wurden weich: ihr langes Haar, Ihr dunkle unberührte glänzende Haut. Die Möglichkeit ihr eines ganz anderes Lebens zu bieten, es lag in deinen Händen, dir war das längst bewusst. Der Mut fehlte dir nur. Der Mut einen Schritt ins Ungewisse, ins Unbekannte zu wagen. Unsere Gedanken trafen sich wortlos irgendwo in der Krone der alten Dattelpalme. Unsere Hände waren noch ineinander verschränkt. Vertraut.
– Sie ist fast 8, Satah
Hörte ich deine panische Stimme sagen.
– Auf was wartest du? Schreib
Ein sandiger Windstoß drängte in die Küche und wehte dein buntes Kopftuch los. Deine langen Haare, mit einer Spur englisches Blut, bewegten sich frei. Du schloss die Augen und fingst an, wie früher, zu kichern. Als du sie aufmachtest, sprühten sie voller Leben. Du stecktest deine Hand unter die Küchenzeile und reichtest mir etwas Großes: ein Skript. Deine Hand zitterte dabei, wie damals dein ganzer Körper, unter dem Mondschein. Ich öffnete es. Geschichten, in silberner Schrift, sprangen aus ihm heraus. Ich erkannte sofort den Fluss deiner Leichtigkeit, die vor langer Zeit aufgehört hatte die trockenen Felder zu erfrischen. Ich näherte mich und erlaubte das Licht der Lampe, den mehrmals zerkratzten Titel, zu erleuchten. Ein Stopp Schild stand darauf und darunter deine geschriene Botschaft: Stopp, mein Körper gehört mir.
2011 © Catalina Marzorati-Strauß
Über die Autorin:Das Erfinden von Geschichten habe ich von meiner argentinischen Großmutter, die mir schon als Kind damit begeisterte und motivierte zugleich. Seit einigen Jahren taste ich mich an der Herausforderung heran: mit Worten den Moment, das Geschehen oder sogar meiner vergangen Erfahrungen schriftlich, in der deutschen Sprache, auszudrücken.
Ich arbeite als Spanischlehrerin, Koautorin und Tonsprecherin von Spanisch Schulbüchern und Ecos Zeitschrift. Parallel dazu bin ich Yoga Trainerin.

Blumen brauchen Liebe

Ich hole in Vorfreude die kleine Samentüte aus dem Regal, welche mir meine Tochter zu Weihnachten geschenkt hat.

In einem winzigen Ort in Eritrea zieht Miriam ihrer Tochter Maja das schönste Kleid an.

Kurz darauf habe ich Plastikbeutel, Küchenrolle und Markierkärtchen auf dem Tisch liegen.

Auf einem Tisch in Eritrea liegt eine Rasierklinge. Miriam zieht die zitternde Maja an der Hand aus dem Haus.

Eine Viertelstunde später lege ich mit glänzenden Augen die ersten Samenkörner auf die feuchten Tücher, um sie vorsichtig darin einzuschlagen.

In einem Haus am Ende des afrikanischen Dorfes halten zwei Frauen die weinende Maja fest.

Ich beschrifte die Samenpäckchen, lasse sie behutsam in den wieder verschließbaren Klarsichtbeutel gleiten und lasse einen Jubelschrei erschallen.

In Eritrea schreit Maja unter bestialischen Qualen, denn die Rasierklinge schneidet ihr bei vollem Bewusstsein in die Genitalien.

Meine Sämlinge bekommen einen Platz über dem Wärmestrom der Heizung auf dem Fensterbrett.

Miriam versucht ihre bewusstlose Tochter zu wecken.

Ich schaue täglich mehrmals nach meinen Samenkörnern, damit es ihnen an nichts fehlt.

Miriam schaut genau so oft nach Maja, die sich in Fieberkrämpfen auf dem Boden windet.

Zwei Wochen später öffne ich den Anzuchtbeutel und setzte die winzigen Pflänzchen in Blumentöpfe. Ich drücke, mit vor Freude klopfendem Herzen, die Erde fest und maile meiner wundervollen Tochter die neuesten Bilder davon.

In Eritrea schaufelt Miriam Erde auf Majas Grab.

2012 © Reni Dammrich

Bild: ‘Ein Trauriger Tag’ von Gonda Zoltán

Schade, Mama, schade

Schade, Mama!
Mama,
du warst noch so klein,
als Omas Hände dich festhielten,
während das scharfe Messer dich beschnitt.

Mama,
ich war doch noch so klein,
als deine Hände mich festhielten,
während das scharfe Messer mich beschnitt.

Mama,
erst heute begreife ich,
dass du selber ein Opfer bist –
und es nicht besser wusstest.

2012 © Sabine Marya

Bild: ‘Mutter und Tochter – Blick in die Zukunft’ von Oxana Mahnac  

Waris Dirie: Meine Mutter hielt mich fest

“Jeden Tag muss ich immer noch mit mir kämpfen, um zu verstehen, warum mir dies passiert ist – diese grausame und schreckliche Sache, für die es keinen Grund oder keine Erklärung gibt – egal was sie dir über Religion oder Reinheit sagen. Ich kann euch nicht sagen, wie wütend ich mich fühle, wie wütend mich das macht . ”

Als Waris fünf war, hielt sie ihre Mutter fest auf einem Stein, während eine andere Frau Teile ihrer Genitalien mit einer Rasierklinge abschnitt. Was zurück blieb, wurde mit einem groben Faden zu genäht, was blieb, war ein winziges Loch um zu urinieren. Es wurde keine Narkose verwendet und Waris Wunde hat sich entzündet.

Die Qual, die sie damals erlitt, war das was sie vorangetrieben hatte, die somalische Wüsten Gemeinde, in der sie aufgewachsen war, zu verlassen und die Flucht nach London zu ergreifen.

Doch trotz einem wohlhabenden Leben als Supermodel, das die Welt bereiste und sich die beste Chirurgen leisten konnte, um die Verstümmelung rückgängig zu machen, das was sie durchgemacht hat ,wird sie immer begleiten, sagt Waris.

Körperlich fühlt sie sich gut – obwohl sie nie in der Lage sein wird, sexuellen Genuss zu empfinden.

“Aber emotional, spirituell, gibt es kein Entkommen aus dem, was mir passiert ist.”

Waris sagt, dass sie ihrer Mutter nicht die Schuld gibt, die davon überzeugt war, das Richtige zu tun für ihre Tochter, in einer Gesellschaft, die es verlangt, dass Mädchen immer noch “rein” sind, wenn sie heiraten.

“Ich bin sicher, meine Mutter dachte, sie tat mir einen Gefallen – und in meinem Fall, glaube ich nicht, dass sie eine andere Wahl hatte. Es war eine Gesellschaft, in der, alles was der Mann sagt Befehl ist -meine Mutter hat einfach gehorcht. Dort war es der Norm”.

Erst als Waris die Welt als Model bereiste, wurde ihr klar, dass so wenig über dieses Thema bekannt war.

“Niemand hatte eine Ahnung, die Welt hatte keine Ahnung”, sagt sie. “Und das war der Punkt, an dem ich entschied, etwas zu tun und mich dieser Aufgabe hinwarf.”

Die Frau, die von der Wüste nahe der äthiopischen Grenze zu den Laufstegen in Mailand, London und Paris aufstieg, hat in den letzten 12 Jahren versucht, die Botschaft über eine Praxis zu verbreiten, die jedes Jahr noch an schätzungsweise drei Millionen Mädchen durchgeführt wird.

“Man beschäftigt sich, mit dem was man durchgemacht hat und versucht, das Beste daraus zu machen. Für mich ist diese Kampagne das Beste, was ich tun kann.”

(Freie Übersetzung von Isabel Henriques)

Quelle: BBC NEWS

Bild: „Wüstenblume“ von Irene Merkt, Deutschland

Wie die Saiten einer Stradivari

Die Komplexität der weiblichen Sexualität gibt nicht nur Rätsel auf, sondern löst auch häufig Ängste bei den Menschen aus. Frauen mit vollständiger Vulva werden bis heute in vielen Kulturen seit vielen Epochen als lüstern und treulos geschmäht. Frauen, die sexuelles Verlangen empfinden, gelten als Huren. Und sie schüren nicht nur in Männern Ängste, sondern auch in anderen Frauen, Müttern und Großmüttern. Um diese Ängste zu bannen, wird auch heute noch in einigen Ländern die Beschneidung der weiblichen Genitalien (englisch: Female Genital Mutilation, kurz FGM) vorgenommen.

Die Unsicherheit gegenüber dem Weiblichen ist einst auch in Europa weit verbreitet gewesen. Insbesondere hat die griechische Philosophie, in der die Frauen von Natur aus für minderwertig gegenüber Männern erachtet wurden, großen Einfluss auf spätere Kulturen ausgeübt – auch auf unsere. Bösartige und brutale Angriffe gegen die weibliche Sexualität haben eine lange Blutspur durch die Jahrhunderte gezogen.

Der Journalist Harald Martenstein schrieb folgendes in Geokompakt, Ausgabe ‚Das Wunder Mensch‘:

„Die Sexualität der Frau (…) ist so kompliziert, dass sogar die Wissenschaft sie nicht versteht. Möglicherweise ist die Frau das einzige unter allen weiblichen Lebewesen, das einen Orgasmus haben kann. Gleichzeitig wurde die Klitoris als wichtiger Orgasmusbeschaffer von der Natur an einer zur Erlangung sexueller Freuden recht ungünstigen Stelle befestigt, das heißt, ihr zum Orgasmus zu verhelfen ist so schwierig wie das Spielen auf einer Stradivari, und es liegt hier ein Rätsel vor, das zu 1000 Theorien anregt, ähnlich wie die Statuen auf der Osterinsel oder die Schwarzen Löcher im Weltall.“

Die Unkenntnis und die damit verbundenen Unsicherheiten rund um die weibliche Anatomie und Sexualität  hat Fernando Naviskas in seinem Werk ‚NIEMEHR Sinfonie‘ ebenfalls gut ausgedrückt: Die Herausforderung ist so groß, so ein komplexes Instrument wie eine Stradivari zu spielen, dass dessen Seiten mutwillig zerrissen werden, und das Instrument dadurch unbrauchbar gemacht.

Ein Problem kann nur gelöst werden, wenn es an der Wurzel gepackt wird – so kann die Abschaffung der Beschneidung nur gelingen, wenn Ängste und Ignoranz gegenüber der weiblichen Anatomie und Sexualität zuvor abgeschafft werden. Mit unserer Kampagne With (he)art against FGM wollen wir einen Beitrag dazu leisten, dieses Ziel zu erreichen.

Ihre Isabel Henriques

Bild:  ‚NIEMEHR Sinfonie‘ von Fernando Naviskas, Brasil