Angelika Stephan

Makeda
von Angelika Stephan

Tulu beugte sich über sie. Er nestelte an ihrer neuen Bluse herum, versuchte, den Knoten der beiden Bändchen aufzudröseln. Ungeduldig schob er schließlich die Bluse nach oben, kreiste langsam mit seinen Händen über ihre zarten Knospen. Beschämt blickte Makeda auf den Boden. Tulu war nun ihr Ehemann. Sie mochte ihn nicht besonders, aber das hatten ihre Familien einfach ignoriert. Als Oromo-Frau konnte sie nichts dagegen tun.

-„Makeda – die Schöne, das passt zu dir. Du bist so wunderschön.” Er trug sie ins Bett. Liebevoll streichelte er über ihr Gesicht. Dann fuhr er mit seiner Hand weiter nach unten. Er atmete schneller. Sie presste ihre Beine zusammen. Mit seinen Fingerspitzen tastete er unbeirrt weiter. Dann bog er ihre Beine auseinander, kniete darauf. Unter seinem Gewicht fühlten sich ihre Oberschenkel bald taub an. Gierige Finger glitten über ihre Narbe, die sie wie ein Reißverschluss jungfräulich gehalten hatte. Dabei begann er zu schnaufen. Seine Augenlider flatterten leicht, und aus seinen Mundwinkeln rann etwas Speichel.

Angewidert drehte Makeda den Kopf zur Seite, wollte nicht in dieses aufgedunsene, pockennarbige Gesicht sehen, das ihrem immer näher kam. Dabei blickte sie auf das kleine Tischchen, das neben dem Bett stand, sah die Klinge, mit der er sie öffnen würde. Es war sein Recht, dies zu tun, hier in Äthiopien. Welch unsägliche Schmerzen hatte sie bereits erdulden müssen. Jetzt erwarteten sie wieder neue Qualen. Sie ahnte es nur, wusste aber nicht genau, was ihr bevorstand. Das ängstigte sie. Makeda schrie und warf sich im Bett hin und her. Tulu wollte ihr nicht weh tun, jedoch es ging nicht anders. Draußen warteten die Familien auf den Beweis. Er wollte sie beruhigen, strich zart über ihr Gesicht. Makeda verstummte kurz, blickte ihn aus großen, dunklen Augen an, lauernd – wie ein gehetztes Huhn.

-„Wir müssen es doch tun!”, flüsterte er ihr verzweifelt ins Ohr. Wieder schrie sie, so laut sie konnte. Diese Schreierei machte Tulu ganz verrückt. Er schwitzte, seine Erektion ließ nach. Er versuchte sich zu konzentrieren, seine Pflicht zu erfüllen. Das Bett begann sich um Makeda herum zu drehen. Die 15-Jährige hielt den Atem an, hoffte auf die Ohnmacht, die ihr das Bewusstsein rauben würde. Dann, als er es endlich geschafft hatte, sah er es in ihrem Blick:

Er hatte gewonnen – aber sie endgültig verloren.

2012 © Angelika Stephan

Über die Autorin:

Als Autorin und bildende Künstlerin schreibt, malt und lebt Angelika Stephan im Ruhrgebiet, das sie auch immer wieder zu neuen Geschichten inspiriert. Sie studierte Kunst und Germanistik für das Lehramt und beschäftigte sich nach Beendigung ihrer Berufstätigkeit (wegen Kindererziehung) zunächst mit der Malerei, schrieb aber nebenbei auch immer etwas Lyrik. 2005 konnte man ein Krimikapitel von ihr in einer Zeitung lesen. 2008 folgte eine Lyrikveröffentlichung in einem Lyrik Sammelband. 2009, 2010 und 2011 wurden weitere Lyrik und Prosa von Angelika Stephan in verschiedenen Anthologien oder Lyrik Sammelbänden veröffentlicht. 2011 erschien ihr Buch “Entflammtes Herz”. Seit 2011 ist sie auch Mitglied im FDA, “Freier Deutscher Autorenverband”, Landesverband NRW.

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