Bernadette Grohmann-Németh

Der Wunsch
geschrieben von Bernadette Grohmann-Németh

Meine erste Liebe traf mich wie der Blitz.
Safias erste Liebe durchlöcherte ihr Zwerchfell.
Tim hatte sie nach der Schule gefragt, ob sie mit ihm ins Kino gehen wolle.
„Ich darf nicht”, hatte sie gemurmelt und auf den Boden gesehen. Tim hatte die Hand ausgestreckt. Sie roch nach dem Käsebrot, das zwischen seinen Schulbüchern steckte. Safia hatte sich gewünscht, dass er ewig so stehenbleiben möge. Sie hatte die Hand ergriffen. In diesem Moment war ihr jüngerer Bruder Ali neben ihr gestanden. Stärker noch als die Verachtung in seinen Augen blitzte das Messer in seiner Hand. Es glitt wie Butter in ihre Seite. Der Schmerz war so überraschend, dass Safia nicht einmal schrie. Kurze Zeit später ließ sich Ali widerstandslos festnehmen. Der Wert seiner Schwester sei ihm wichtig, sagte er.

Safias blutgetränkter Bahre folgte eine Menschentraube in die Ambulanz und füllte den Krankenhausflur mit aufgeregtem Getuschel. Es waren Safias Brüder, Eltern, Cousins, mehrere verschleierte Frauen.
Ich war die diensthabende Ärztin. Der Name von Safias Herkunftsland erinnerte mich an aufgesprungene Erde, Hungersnot, Piraten. Ob sie glücklich war, hier zu leben?

Safia musste unverzüglich operiert werden, das Messer steckte noch in ihrer Seite. Mich wunderte, dass sie nicht weinte. Als die Krankenschwester eine Schere zur Hand nahm um einen Karton mit Infusionsflaschen aufzuschneiden, warf die tiefstehende Sonne ein paar Strahlen durch das Fenster der Notaufnahme und ließ die Schneidblätter aufleuchten. Safia schrie auf. Der Schrei ließ mein Blut gefrieren.
Ich fragte, ob sie schon einmal operiert worden sei. Sie verneinte wild; nein, nein, sie sei noch niemals operiert worden. Ich atmete auf.

Als ich so alt gewesen war wie Safia, hatte ich im Deutschunterricht zum ersten Mal über weibliche Genitalverstümmelung gehört. Meine Deutschlehrerin hatte uns statt Gedichten sozialkritische Texte lesen lassen und der Text über Genitalverstümmelung hatte mir beinahe den Magen umgedreht. Ich erfuhr, dass im Gegensatz zur männlichen Beschneidung, bei Frauen nicht nur Haut, sondern im schlimmsten Fall das gesamte empfindliche Gewebe der Klitoris und der inneren Schamlippen mit einem scharfen Gegenstand weggeschnitten und die äußeren Schamlippen bis auf eine reiskorngroße Öffnung vernäht werden. In der Hochzeitsnacht wird die Naht vom Ehemann aufgeschnitten. Abgesehen von den Folgen dieses Martyriums, der Infektionsgefahr, den Komplikationen – von einer Geburt ganz zu schweigen – empörte mich die Tatsache, dass den verstümmelten Frauen das Erleben eines sexuellen Höhepunkts lebenslänglich versagt bleibt.

Diese Tatsache erschien mir wie die sinnlose Zerstörung des Augenlichts oder eines anderen Organs. Niemandem würde einfallen, dasselbe Männern anzutun. Ich hatte mehrere Erwachsene gefragt, ob sie davon wüssten, und sie hatten entsetzt verneint und gesagt, worüber du dir immer Gedanken machst. Mir war klar, dass das Tabu ein Teil des Problems war. Die Gedanken daran wegzuschieben, gelang mir nicht. Als Erwachsene gelingt es mir ein bisschen besser. Man spaltet leichter ab, die Schubladen stehen schon bereit. Dennoch fühle ich fremden Schmerz wie eigenen; eine Tatsache, die mich nicht zu einer besseren Ärztin macht; besonders für die Notaufnahme.
Genau untersuchen konnte ich Safia nicht, sie wurde sofort in den Operationssaal geschoben.
Ich hoffte von ganzem Herzen, dass sie nicht verstümmelt war.

Safia war immer schon ehrgeizig gewesen. Sie hatte darum gebettelt, wie ihre großen Schwestern an dem geheimnisvollen Ritual teilnehmen zu dürfen, das sie zu einer reinen Frau machen würde. Die Augen ihrer Schwester hatten sich verdunkelt, doch sie hatte nichts gesagt. Safia hatte sich auf den großen Tag gefreut, es würde ein Fest werden, auch wenn ihr niemand erklären wollte, was mit ihr geschehen würde. Die Angst flammte erst auf, als ihre Großmutter sie festhielt und ihr die Hand über die Augen legte. Durch ihre Finger hindurch hatte Safia die Schneidblätter der Schere gesehen, die in der Mittagssonne aufleuchteten, bevor der Schmerz jede Faser ihres Körpers erfasste. Das schlimmste war, dass ihre Mutter danebengestanden war. Sie hatte nicht eingegriffen um sie zu retten, vor dem Schmerz, dem schabenden Geräusch, auch nicht, als die Beschneiderin den Akaziendorn mit einem Faden durch das widerspenstig blutende Fleisch bohrte. Als sie tagelang mit zusammengebundenen Beinen liegen musste, um die Wunde nicht aufzureißen, hatte Safia das Vertrauen in ihre Mutter verloren.

Ich reichte Safias Vater die Papiere zur Operationseinwilligung, und er malte würdevoll einen Stern auf das Papier. Da merkte ich, dass er nicht schreiben konnte.
Folgsam nickte er zu jeder Erklärung, obwohl er nichts verstanden hatte, und willigte zur Operation ein, wie er zur Beschneidung seiner Töchter eingewilligt hatte. Ersteres hatten die Ärzte befohlen, Zweiteres seine Kultur.

Die Anästhesistin blickte Safia unter der grünen Haube freundlich an.
„Du wirst gleich schlafen“, sagte sie. „Such dir schon mal einen schönen Traum aus.
Safia seufzte etwas Unverständliches, dass sie ein anderes Leben wolle. Ich hörte es, da ich direkt neben ihr stand. Die nächsten Worte wurden vom Narkosemittel davon gespült.

Kurze Zeit später beugte sich die Operationsschwester über sie, um einen Harnkatheter zu legen, denn die Operation ihrer Stichverletzung würde lange dauern. Doch irgendetwas schien nicht zu funktionieren. Abrupt drehte sie sich um. „Ich kann keinen Katheter legen“, sagte sie. „Sie ist zugenäht.“
Ich trat näher. Zwischen Safias Beinen sah ich eine flache Narbe, vom Damm bis zum Venushügel, glatt und blass wie bei einem amputierten Stumpf und mit einem groben schwarzen Faden vernäht.
Mir wurde übel.

„Schon wieder“, seufzte die Schwester.
„Sieht ihr das oft?“ fragte ich. Sie wiegte den Kopf. „Mit jeder Flüchtlingswelle aus Afrika, dem nahen Osten, sehen wir verstümmelte Frauen“, sagte sie. „Obwohl es inzwischen verboten ist.“
Mein Diensttelefon läutete, ich musste wieder auf die Notaufnahme. Ich verließ den Operationssaal mit dem Bild von Safias Blick vor Augen, als sie die Schere gesehen hatte.

Das nächste Mal sah ich sie auf der Intensivstation. Sie war in Tiefschlaf gefallen, ich fragte, wie es ihr ginge. Der Pfleger schüttelte zögernd den Kopf. „Sie wacht nicht auf“, sagte er. „Wir wissen nicht, warum.“
Er sah mich an. „Hat sie vor der Operation noch irgendetwas zu Ihnen gesagt? Hatte sie eine Allergie, irgendeinen bestimmten Wunsch?“
„Einen Wunsch…“ – ich dachte daran, was sie vor der Operation gesagt hatte.

Am nächsten Tag sollte ich erfahren, dass ihr Wunsch erfüllt worden war.

2011 © Bernadette Grohmann-Németh

Kurzvita:

Bernadette Grohmann-Németh wurde 1979 in Wien geboren und wuchs zweisprachig mit Deutsch und Ungarisch auf. Von Kindheit an schrieb sie Geschichten und Gedichte, nahm an Schreibwettbewerben teil und publizierte einige Kurzgeschichten in Zeitschriften. Neben dem Medizinstudium arbeitete sie an verschiedenen Plätzen und kam so mit vielen Menschen und Kulturen in Berührung. 2008 erschien ihre erste Kurzgeschichte in einer Anthologie. Ihre Arbeit als Ärztin verschaffte ihr interessante Einblicke in die Bandbreite menschlichen Erlebens, die ihr die Wichtigkeit eines zweiten Blicks hinter oberflächliche Eindrücke bewusst machten.

2011 gewann die Autorin mit diesem Text unseren Literaturwettbewerb in der Kategorie Prosa.

Bernadette Grohmann-Németh, Österreich

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