Laura Bakella

Eine Wüste dieser Welt
von Laura Bakella

An Waris Dirie und all die anderen Frauen und Mädchen, die ihrer Weiblichkeit beraubt worden sind …

Eine kleine Knospe an der Seite eines Zweiges am Rande einer Wüste,
eine Knospe voller Hoffnung und Drang –
Hoffnung eines Tages eine Blume zu werden.
Drang nach Freiheit und Schönheit, um die Welt zu verzaubern.
Keine Angst kannte die Knospe im Schatten ihrer Mutter,
beschützt mit Blättern und Dornen.
Kein Wind, kein Regen könnte sie verletzen.
Sie glaubte an das Schöne dieser Welt.
Sie träumte von der Zeit, wo sie ihre Blüte aufmachen würde.
Sie träumte von den Augen der Menschen,
die sie im Vorbeigehen bewundern,
die sie liebkosen und schön nennen werden.
Sie träumte dem Tag entgegen, der ihr größter Tag werden sollte…

Grobe Hände kamen vorbei.
Sie zerrten und pflückten.
Sie rissen die Blätter, sie brachen die Dornen.
Kleine, rote Blütenblätter fielen zu Boden, wurden zertreten…
Aus waren die Träume, aus war die Hoffnung,
die Augen der Menschen zu sehen und zu erfreuen.
Ein Ende im Schlamm und Staub,
ein Ende vor dem Anfang, ein verworfenes Leben…

Ein Menschenkind am Rockzipfel seiner Mutter,
eine kleine Seele, die das Licht dieser Welt vor kurzem erst erblickt hat.
Alles so groß und alles so neu –
so viel verspricht das Leben zu entdecken.
Die Tage sind sonnig, auf den Abend folgt die Nacht,
die wiederum einen neuen Tag verspricht.
Eng an seiner Mutter, noch keine weite Reisen,
noch ist die Angst da, den Weg nicht zurückzufinden.
Aber die bunten Röcke der Mutter sind wie Flaggen im Wind,
die den Weg zurück in die Sicherheit zeigen.
Immer ein Versteck, wenn das Böse kommt.
Immer ein Ort, wo man ein Zuhause findet.

Ein Morgen vor dem Sonnenaufgang – noch kalt und dunkel,
nur ein dünner, roter Strich am Himmelsrand zeigt den kommenden Tag.
Ein Flüstern im Schlaf: „Steh auf, meine Tochter!
Heute ist der Tag, aber sei leise.”
Die Welt ist noch in tiefem Schlaf versunken.
Scharfe Steine, die in die kleinen Füße stechen,
taunasse Zweige, die ins Gesicht schlagen,
alles noch so still und alles so fremd.
Die Welt, die bei Tageslicht ganz anders noch war.
Lang schien der Weg tief in die Wüste.
Keine Hütte in der Nähe, kein Hirte oder Tier,
nur nackte Felsen und lehmiger Boden.
Ein Haufen Steine und ein kleiner Hibiskus-Busch,
der trotz Dürre und Sandstürme sein Dasein erkämpft.
Kein anderer Zeuge, nur drei lange Schatten,
die aus dem Dunkeln herauskamen und den Geistern ähnelten.
Kein Wort zur Begrüßung, kein Laut über die Lippen,
nur stumme Augen und zusammengepresste Lippen.
„Es ist dein Tag, du musst jetzt tapfer sein und Größe zeigen!”
Mutters Gesicht, ganz nah an den Augen
und fremde Hände, die sie auf den staubigen Boden drücken.

Vier nackte Wände, Betonwüste, Betondschungel,
Mitte von Nichts, drohende Stille, entblößte Nacktheit,
von acht fremden Händen auf den Boden gedrückt.
Gespreizte Beine und zitternde Knie,
dazwischen eine Rasierklinge in uralten Händen.

Bei lebendigem Leib zerschnitten, zerrissen und zusammengenäht …
Ein Teil für die Mutter – der Sitten wegen,
ein Teil für den Vater – fünf Kühe wegen,
ein Teil für die Tanten und Onkel- deren Stolzes wegen,
ein Teil für den Ehemann – seines Egos wegen…
Kein Teil für dich selbst – der Rest bleibt ja dir…

Ein Schrei, ein Schmerz tief in der Seele,
ein Teil des Daseins wird weggerissen.
Ein Teil des Körpers bei vollem Bewusstsein
abgeschnitten, abgerissen …

Rot färbte sich der Sand.
Rot färbte der Morgen den Himmel.
Rot blieben die Tücher auf dem kalten Boden –
die Welt schrie mit – stumm, kalt und teilnahmslos…

Ein halber Mensch mit unsichtbaren Wunden –
körperlich tief und tief in der Seele.
Millionen Fragen – wieso, weshalb?
Millionen stumme Fragen – ohne Antwort und Sinn.
Traditionen und Sitten?
Religionen und Bräuche?
Es schmerzt nach Jahren, Jahrzehnten, ein Leben lang,
keine Ruhe nachts und keine am Tag.
Jeder Schritt wie auf Dornen oder auf glühenden Kohlen.
Schmerzliebe, Schmerzkinder, Schmerzblicke im Spiegel …
Ein Mensch verurteilt – lebenslang,
verurteilt ohne Schuld und ohne Verbrechen.
Die einzige Schuld – als Frau geboren –
am falschen Ort und am falschen Platz …

Ein Teil meines Körpers wie rote Blumenblätter –
irgendwo im Sand,
irgendwo im Nichts –
irgendwo begraben in der Wüste dieser Welt …

2012 © Laura Bakella

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Aus der Sicht eines Mannes
Von Laura Bakella

Wenn ich ein Mann wäre, was würde ich mir wünschen?

Würde ich eine Freundin haben wollen, die unser „erstes Mal” mit Angst und Schrecken erwartet?

Würde ich eine Lebensgefährtin neben mir sehen wollen, die ganz vorsichtig einen jeden ihrer Schritte zählt, weil sie geht wie auf glühenden Kohlen?

Würde ich mir eine Frau wünschen, die verstümmelt und zugenäht ist?

Würde ich es mit ansehen können, wenn meine Frau immer und immer wieder wie Schlachtvieh aufgeschlitzt und wieder zugenäht wird?

Würde ich es dann eines Tages verantworten können, wenn meine Kinder, die aus dem Leib meiner Frau geboren wurden, fragen werden, wieso wieder so viel Blut in die Ritzen des Bodens versickert ist?

Oder würde ich nicht viel lieber eine Frau an meiner Seite sehen wollen, die mit mir gemeinsam, stolz und erhobenen Hauptes durchs Leben geht?

Eine Frau, die neben mir keine Angst haben muss, wenn die Nacht wieder über die Welt hereinbricht?

Ich würde mir eine Frau wünschen, die mir meine Kinder weinend und schreiend auf die Welt bringt, aber nicht aus Angst um ihr eigenes Leben, sondern aus Freude und Glück, neues Leben in die Welt setzen zu können.

Eine Frau würde ich mir an meine Seite wünschen, die mich liebt wie einen Mann und mich nicht verabscheut wie einen Schlachter, der seines Egos wegen ihr die Würde nehmen ließ…

„Bring eine Frau nicht zum Weinen, weil Gott ihre Tränen zählt!”
– schrieb ein kluger Mann. Deswegen lass nicht zu, dass Deine Frau weinen muss…

2012 © Laura Bakella

Statement der Autorin:

“Ich heiße Laura Bakella und bin 29 Jahre alt. Ich komme aus Lettland, aber seit mehr als zehn Jahren ist Deutschland meine Heimat. Das erste Mal über FGM habe ich aus Waris Diries Buch “Wüstenblume” erfahren. Das war vor mehreren Jahren und seit dem lässt mich dieses Thema nicht mehr los. Ich habe nicht nur alle Bücher von Waris Dirie gelesen, sondern auch viel im Internet darüber recherchiert. Dieses Thema beschäftigt mich auch deswegen, weil mein Mann aus einem Land kommt, wo diese grausame Tradition praktiziert wird. ”

Laura Bakella, Frankfurt am Main

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