Reni Dammrich

Blumen brauchen Liebe
Kurzgeschichte von Reni Dammrich

Ich hole in Vorfreude die kleine Samentüte aus dem Regal, welche mir meine Tochter zu Weihnachten geschenkt hat.

In einem winzigen Ort in Eritrea zieht Miriam ihrer Tochter Maja das schönste Kleid an.

Kurz darauf habe ich Plastikbeutel, Küchenrolle und Markierkärtchen auf dem Tisch liegen.

Auf einem Tisch in Eritrea liegt eine Rasierklinge. Miriam zieht die zitternde Maja an der Hand aus dem Haus.

Eine Viertelstunde später lege ich mit glänzenden Augen die ersten Samenkörner auf die feuchten Tücher, um sie vorsichtig darin einzuschlagen.

In einem Haus am Ende des afrikanischen Dorfes halten zwei Frauen die weinende Maja fest.

Ich beschrifte die Samenpäckchen, lasse sie behutsam in den wieder verschließbaren Klarsichtbeutel gleiten und lasse einen Jubelschrei erschallen.

In Eritrea schreit Maja unter bestialischen Qualen, denn die Rasierklinge schneidet ihr bei vollem Bewusstsein in die Genitalien.

Meine Sämlinge bekommen einen Platz über dem Wärmestrom der Heizung auf dem Fensterbrett.

Miriam versucht ihre bewusstlose Tochter zu wecken.

Ich schaue täglich mehrmals nach meinen Samenkörnern, damit es ihnen an nichts fehlt.

Miriam schaut genau so oft nach Maja, die sich in Fieberkrämpfen auf dem Boden windet.

Zwei Wochen später öffne ich den Anzuchtbeutel und setzte die winzigen Pflänzchen in Blumentöpfe. Ich drücke, mit vor Freude klopfendem Herzen, die Erde fest und maile meiner wundervollen Tochter die neuesten Bilder davon.

In Eritrea schaufelt Miriam Erde auf Majas Grab.

Reni Dammrich

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