Zur Jungenbeschneidung

Gesetzentwurf: Regierung will Beschneidung von Jungen erlauben

Mit großer Spannung wurde der Gesetzentwurf vom Bundesjustizministerium zur rituellen Beschneidung von Jungen, von den Betreibern der Plattform beschneidung-von-jungen.de und der Kampagne With (he)art against FGM, erwartet. Die Privatinitiativen sind in Juli 2012 eine Partnerschaft eingegangen und setzen sich nun mit vereinten Kräften gegen Genitalbeschneidungen im Kindesalter, für das Selbstbestimmungsrecht und für die körperliche Unversehrtheit aller Kinder, unabhängig vom Geschlecht, Kultur oder Religion, ein.
Nun liegt der in höchster Eile entworfene Vorschlag, die die Beschneidung in Deutschland künftig regeln wird, den Ländern und Verbänden vor. Demnach ist eine Beschneidung, die mit Einwilligung der Eltern und nach den Regeln der ärztlichen Kunst vorgenommen wird, nicht rechtswidrig und damit nicht strafbar. Der Entwurf soll bereits am kommenden Mittwoch im Kabinett verabschiedet und danach in den Bundestag eingebracht werden. “Es hat sich im Interesse der Kinder gelohnt, ein paar Tage länger zu verhandeln“, äußerte sich zufrieden Familienministerin Kristina Schröder (CDU) zum Ergebnis der Verhandlungen.

Isabel Henriques, Initiatorin von With (he)art against FGM, sagt: „Unfassbar, wie in so kurzer Zeit über einen unwiderruflichen Eingriff entschieden wird, der lebenslange Folgen für das Leben eines Menschen haben kann. Vernünftig wäre gewesen, mindestens ein zweijähriges Gesetzesmoratorium einzuhalten, wie in der Petition der Kinderhilfe und Partner ausdrücklich gefordert wird. Mit ‚ein paar Tage länger‘ verhandeln, auch wenn von der Ministerin Schröder gut gemeint, ist es sicherlich nicht getan.“

Der vorgelegte Vorschlag, kurz zusammengefasst:

Die Beschneidung soll jetzt Teil des Sorgerechts werden. Die Eltern dürfen also allein darüber entscheiden, ob sie ihre Söhne einer Genitalbeschneidung unterziehen. Und dieser Vorschlag beschränkt sich nicht nur auf eine religiöse Motivation der Eltern. Dem Entwurf zufolge dürfen Eltern auch aus anderen Gründen ihre Söhne beschneiden lassen. Damit können beispielweise Jungen aus rein ästhetischen Empfinden (der Eltern!!) beschnitten werden, oder auch um in der Pubertät die Masturbation zu erschweren, was aber unumkehrbar lebenslang wirkt. Zahlreiche Belege für eine durch viktorianisch prüde Sexualerziehung motivierte Beschneidung, die sich im 19. Jahrhundert vor allem in den USA durchgesetzt hat, gibt es ja, auch in unserer Zeit (!!). Nach diesem Gesetzentwurf wäre also der Eingriff auch aus solchen Gründen legal.

Edwin Reichhart, Betreiber von beschenidung-von-jungen.de dazu: „Dies geschieht offenbar um den Charakter der Regelung als religiöses Sonderrecht zu verschleiern. Darum wird hier eine generelle Regelung vorgeschlagen, die praktisch jederlei Motiv einschließen und legitimieren kann. So etwas rechtlich zuzulassen, bedeutet eine klare Verletzung des in der Verfassung garantierten Schutzes der körperlichen Unversehrtheit für männliche Kinder.“

Des Weiteren, nach Absatz 2 dem Begleittext zu Gesetzentwurf darf in den ersten sechs Monaten nach der Geburt auch ein Nicht-Arzt, “aber vergleichbar befähigt”, die Beschneidung vornehmen. Darin wird jedoch zur Frage der Anästhesie geschwiegen. Auch bei kleineren Kindern sei ein “ernsthaft und unmissverständlich zum Ausdruck gebrachter entgegenstehender Wille” des Kindes “nicht irrelevant”, heißt es. In einer solchen Situation seien die Eltern “gehalten” sich mit dem Kindeswillen auseinanderzusetzen. Das würde bedeuten, dass wenn einem kleinen Jungen vor dem Eingriff bewusst wird, was mit ihm gleich passiert und er anfängt zu weinen oder zu schreien, dann dürften die Eltern laut Gesetzt die weitere Prozedur nicht erzwingen. Ein generelles Vetorecht der Kinder ist jedoch nicht vorgesehen. In diesem Fall wird ebenfalls die Entscheidung vollständig den Eltern überlassen. Die Frage wie der Wille eines Säuglings einbezogen werden sollte, bleibt dabei ganz unbeantwortet.

Zudem werden in der Gesetzesvorlage psychische Belastungen einfach bestritten, indem drin steht, es seien keine psychologischen Probleme nach männlichen Beschneidungen bekannt. Dazu gibt es aber zahlreiche Studien die nachweisen, dass die Beschneidung der Vorhaut von Jungen im Säuglings- oder Kindesalter für die Betroffenen ein Trauma mit möglichen dauerhaften psychischen Langzeitfolgen sei.

„Durch die Diskussion in den letzten Wochen wurde die männliche Beschneidung aus dem Dunkel ein bisschen beleuchtet, und zumindest einige, die gut zugehört haben, haben verstanden, dass es sich bei der Beschneidung der männlichen Vorhaut um die Amputation des empfindsamsten Teiles des männlichen Körpers handelt. Die Empfindsamkeit des Penis wird bei einer Radikalbeschneidung bis zu 70% reduziert. Die zukünftige Sexualität des betroffenen Kindes wird daher zwangsweise lebenslang beeinflusst, was sicher einen tiefen Einschnitt in das Persönlichkeitsrecht darstellt. Wenn mancher immer noch meint die männliche Beschneidung sei mit Ohrläppchenstechen oder gar Haarschneiden vergleichbar, dem kann nicht geholfen werden.“, erklärt Reichhart.

In diesem Gesetzentwurf werden nur männliche Kinder zur Genitalbeschneidung frei gegeben. Es wird behauptet weibliche Beschneidung sei etwas ganz anderes und gleichzeitig klargestellt, der Gesetzgeber wird keinesfalls Übergriffe auf weibliche Genitalien zustimmen.

Die Betreiber beider Aufklärungsinitiativen sind sich jedoch einig, dass die Legalisierung der Jungenbeschneidung in Deutschland auch negative Auswirkungen auf die weibliche Genitalverstümmelung haben wird. Berichtet wurde bereits wie 2010 die American Academy of Pediatrics (Kinderärzte) auf Verlangen religiöser Kreise eine rituelle Beschneidung (ritual nick) als mögliche Alternative zu einer vollständigen Ablehnung der weibliche Beschneidung einführen wollte. Damit wollten die Kinderärzte den Mädchen die weitaus viel gefährlicheren Eingriffe in ihren Heimatländern ersparen. Auf Druck der weltweiten Menschenrechtsorganisationen hat die Academy diese Empfehlung rasch zurückgezogen.

Isabel Henriques:„Wenn die Jungenbeschneidung in Deutschland zugelassen wird, wie soll man dann künftig den entsprechenden Kreisen glaubhaft erklären, wieso bei religiöser Beschneidung, zu der auch die weibliche Beschneidung gehört, bei uns nicht praktiziert werden kann, aber die Jungenbeschneidung doch erlaubt ist? Es muss uns klar werden, dass in manchen kulturellen und religiösen Kreisen nicht zwischen den beiden Beschneidungsformen unterschieden wird.“

Tatsächlich ist zum Beispiel das Einritzen der Klitorisvorhaut, (eine mögliche religiöse Beschneidung nach milder Sunna) verboten, obwohl dieser Eingriff weit weniger invasiv ist als die Amputation der Penisvorhaut, weil gar nichts entfernt wird, sondern die Klitorisvorhaut „nur“ verletzt wird. Da könnten nun Muslime die diese Beschneidung von Mädchen für nötig erachten, diese auch durchführen, bei einer Klage müsste der oberste Gerichtshof ihnen auf Grund des Artikels 3 Satz (3) recht geben.

Folgende Gesetze werden durch die Legalisierung der Jungenbeschneidung verletzt:

Grundgesetz Art. 1. (1) 
“Die Würde des Menschen ist unantastbar.”

Grundgesetz Art. 2 (2)
„Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.“

Grundgesetz Art. 3 (3) 
Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.

§ 1631 Abs. 2 BGB:
„Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“

Weiteres die Kinderrechtskonvention:

Artikel 24 (3) der UN-Kinderrechts-Konvention:
„Die Vertragsstaaten treffen alle wirksamen und geeigneten Maßnahmen, um überlieferte Bräuche, die für die Gesundheit der Kinder schädlich sind, abzuschaffen.“

Guy Sinden, ebenfalls verantwortlich für beschneidung-von-jungen.de: „Im Ministerium begründet man weiter, in keinem Land der Welt sei die Beschneidung verboten. Offensichtlich soll hier im Vergleich mit anderen Ländern, in denen oftmals Kinder misshandelt werden, eine Entscheidung gegen Individualrechte und entgegen sich ändernder Rechtsprechung und Wertevorstellungen der Mehrheit der Bevölkerung erzwungen werden. Die vorgelegte Regelung trägt eindeutig die Handschrift religiöser Lobbyisten, alle Forderungen die seitens religiöser Verbände gestellt wurden, wurden erfüllt. Es ist schade. Aber Jungen haben offensichtlich keine Lobby.“

Graz, Freiburg und Dortmund, den 08. Oktober 2012

Isabel Henriques 
Initiatorin / Koordinatorin
With (he)art against FGM

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Edwin Reichhart und Guy Sinden 
Betreiber der Plattform beschneidung-von-jungen.de

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